Semesterthema

 

Sommersemester 2014

Typus und Person
Wie man dem Menschen gerecht wird

Menschen werden klassifiziert, nach Alter, Habitus und psychologischer Veranlagung, nach Bildung, Sprache und Stand, nach Geschlecht, Volkszugehörigkeit oder gar nach Rasse. In korporativen Gesellschaften ergab sich die Klassifizierung aus der Zuordnung zu Stand, Kaste oder Beruf. Die Menschen wurden in ihre Gruppe hineingeboren. Kleiderordnungen oder die Begrenzung auf soziale Sphären trugen dazu bei, dass einem Jeden seine Zugehörigkeit zur zweiten Natur wurde. In liberalen, global vernetzten Gesellschaften lösten sich derartige Strukturen und die mit ihnen verbundenen Codes auf. In einer Zeit, in der sich die Mode der zunehmend anonymisierten Menschen vereinheitlichte, konnte der gesellschaftliche Status nicht mehr äußerlichen Merkmalen abgelesen werden. (Sennett 1986) Psychologische und soziologische Diskurse traten in den Vordergrund. Nachdem sie durch Romane eingeübt worden waren, verfestigten sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in akademischen Disziplinen (Le Blanc 2005). Gesellschaftliche oder seelische Persönlichkeitsmerkmale wurden zu Typenklassen verallgemeinert, sei es zum "Idealtypus" in der verstehenden Soziologie Max Webers (Weber 1904, Weber 1922, Gerhardt 2001, "Idealtypus" in Phil. u. Wiss.theorie 1995, Lichtblau 2006), sei es zu psychologisch beschreibbaren oder diagnostizierbaren Charaktertypen, sei es zu Rassen in Biopolitik und Eugenik (Clair 1993; Hight / Sampson 2002).  

 

 

Wintersemester 2013/14

Wahrnehmung in Bewegung
Konstellationen der Zeit

Sehen ist ein Prozess, und genauer: ein kognitiver Prozess; vielleicht ist es sogar eine Form von Handlung. In der Forschung von Helmholtz bis zu den gegenwärtigen Neurowissenschaften rückte die unhintergehbare Zeitlichkeit der Wahrnehmung in den Vordergrund. Zugleich konnte das Sehen nicht mehr als Form von passiver Aufnahme erfasst werden. Eine ersten Themenkreis für dieses Semester, ist es, diese Form von Zeitlichkeit des Sehens als Prozess in den Blick zu nehmen.

Wenn Künstlerinnen und Künstler ein Kunstwerk schaffen, so übersetzen sie einen erlebten, diachronischen Moment – mehr als einen Augenblick – in ihr Medium, wofür sie wiederum Zeit benötigen. Der Betrachter dagegen muss im Rezeptionsakt selbst Zeit aufwenden, um aus dem synchron präsenten Werk den Ablauf einer diachronischen Wahrnehmung zu rekonstruieren. Die Zeitlichkeit der Produktion und der Rezeption von Kunst ist ein zweiter Schwerpunkt des Semesters.

Die Kunstgeschichte konstituiert und konstruiert selbst eine Form von historischer Zeit, indem sie die Artefakte in Form von Serien und Sequenzen anordnet. Sie ordnet die Werke dabei nicht in eine schon vorher bestehende historische Zeit ein, sondern schafft selbst Zeitstrukturen, denen als Geschichte ästhetischer Artefakte eine genuin visuelle und plastische Qualität zukommt. Die Konfiguration von historischer Zeit durch die Kunstgeschichte ist ein dritter Themenkreis, dem wir uns während des Semesters widmen. 

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Sommersemester 2013

Umgang mit Benjamin
Aura und Allegorie - Bilder und Konstellationen

Walter Benjamins prominente Denkfiguren bilden für die Kunstgeschichte und die Bildwissenschaften nur vordergründig einen anregenden Denkanstoß für unseren Umgang mit Kunstwerken und Epochen. Eher stellen sie regelrechte Herausforderungen an unser Denken über das Verhältnis von Bildlichkeit, Textualität und Geschichte dar. Während die Rezeption der 1960er und 1970er Jahre vor allem an einer Wiedergewinnung der politisch-marxistischen Aspekte der Benjaminschen Denkbewegungen gearbeitet hatte, haben sich neuere Studien verstärkt auf dessen Reflexionen über Medialität, Temporalität und Visualität eingelassen - ohne dabei die Brisanz der Frage nach der Politisierung der Ästhetik (anstelle einer Ästhetisierung der Politik) aus dem Blick zu verlieren. Die "Aura" verstanden als ein operativer Begriff, erlaubt es, den Effekt der Nachträglichkeit in der Wahrnehmung von Artefakten allererst beschreibbar zu machen: Es geht Benjamin also weniger um eine Klage über den Verlust auratischer Kunstqualitäten im Zeitalter der Reproduktibilität, als vielmehr um das Moment der Bewusstwerdung einer tiefgreifenden aisthetischen Zäsur, die die Vergangenheit in der historischen Retrospektive in ein anderes Licht rückt. Auch das "Bild" ist bei Benjamin gerade keine ästhetische, visuelle Einheit, sondern immer schon ein Phänomen, das, als "dialektisches Bild", historisch gelesen werden will. In vergleichbarer Weise erlaubt Benjamins Denken in "Konstellationen", die anachronistisch-ereignishaften Momente eines disruptiven Geschichtsverlaufs jenseits von kausallinearen Verknüpfungen und teleologischen Ausrichtungen  greifbar zu machen. Die allegorische Praxis nach Benjamin schließlich stellt die Kluft von Bild und Bedeutung aus. Die Beschäftigung mir ihr richtet den Blick daher nicht so sehr auf einen Modus der Codierung von Informationen durch Bilder und Worte, sondern auf die Verfahren der Konstruktion und Dekonstruktion von Bedeutungsgenerierung.

 

 

Wintersemester 2012/13

Wintersemester 2012/13

Objekt/Objektivität

Das Objekt wurde seit Mitte des 19. und im Verlauf des 20. und 21. Jhs. als bedingt durch Praxis verstanden – durch die Praxis der Wissenschaften, des Handwerks, der Technik und der Industrie, durch sozialen Gebrauch und schließlich durch Medien, Literatur und Kunst. In dem Maße, wie der Substanz-Begriff der älteren Philosophie verblasste, wurde das Objekt als Konfiguration von Praktiken seiner Entdeckung, seiner Herstellung und seiner Rolle in der jeweiligen Lebenswelt verstanden. Wissenschaft bezog sich nicht mehr einfach auf Gegenstände, sondern stellte sie durch die Apparate der Beobachtung und des Experiments erst in Perspektiven ein – gleich ob diese Perspektiven als menschliche Episteme gewertet wurden, welche niemals beim Kantschen „Ding an sich“ ankommen kann, oder ob man letztlich auf einen durch Praxis eher als durch Theorie gewährleisteten Realitätsbezug vertraute. Der zweite Satz von Ludwig Wittgensteins 1921 erstmals veröffentlichtem Tractatus logico-philosophicus kann als Höhepunkt einer epistemischen Wende gelesen werden: „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge."  “[weiterlesen]


Since the middle of the 19th century, the object has become to be understood as subject to its practical use—its handling in science, crafts, technology, the industry, its social application, as well as its treatment in media, literature, and arts. The traditional philosophical concept of the object as an a priori has more and more become obsolete, the object henceforth being defined by the circumstances of its discovery, its production, as well as its environment. Science no longer merely refers to observable objects, but makes them observable in the first place, e.g. by means of devices and experiments—regardless of whether these new forms of observation are evaluated as human epistemes which can never conceive the Kantian Ding an sich, or whether a concept of reality based on practicality rather than on theoretical foundation is being embraced. The second sentence of Ludwig Wittgenstein’s Tractatus logico-philosophicus, published in 1921, may be interpreted as the culminating point of this epistemic turn: “The world is the totality of facts, not of things.”  [to continue]

 

 

 

Sommersemester 2012

Sommersemester 2012

Leben

Das Leben ist ein scheinbar universelles Thema. Wo immer wir darüber sprechen, so aus einer Position des „Mittendrin“. Gerade deshalb ist auch so schwer fassbar, was Leben überhaupt ist: es durchströmt uns ja, während wir darüber reden, kaum anzuhalten wie der „stream of consciousness“, kaum zu objektivieren. So hat das Leben auch mehrere Gegensätze, einerseits das Unbelebte, andererseits den Tod. Das Leben teilen wir mit allem Lebendigen, mit Pflanzen und Tieren, und es trennt uns von allem, was leblos ist, von Steinen ebenso wie von den Toten. Der Tod ist auch nicht einfach nur der Gegensatz des Lebens, er dringt vielmehr in dieses ein, als Thanathos, als Tod im Leben, als destruktive Sehnsucht nach Rückkehr zum Ausgangspunkt, wie Freud dies 1920 in „Jenseits des Lustprinzips“ zu denken „gewagt“ hat.

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Life is a virtually universal topic. Whenever we talk about it, we are surrounded by it. That is precisely why ‘life’ is so hard to grasp: life runs through us while we discuss it, unstoppable like the so-called stream of consciousness, impossible to objectify. ‘Life’ also has two different opposites: the inanimate on the one hand, death on the other. We share life with all living creatures, with plants and animals; and it separates us from everything lifeless, from stones as well as from the dead. Moreover, death is not only the opposite of life: death penetrates life, as thanathos, as death in life; as the destructive longing for the return to our origin as Freud has ‘dared’ to propose in “Beyond the Pleasure Principle.”

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Wintersemester 2011/12

Wintersemester 2011/12

Begehren

Die Relevanz des Themas „Begehren“ besteht nicht nur in der Feststellung, dass es einer der wichtigsten Topoi der Schöpfung ist, deren Kodierung und De-Kodierung einen wesentlichen Impuls der Kunst- und Literaturgeschichte bildet. Genauso beachtenswert ist die Untersuchung der intimen Beziehung zwischen Bild- / Textproduktion einerseits und dem unter psychologischen sowie körperlichen Aspekt genommenen Begehren anderseits. Mehr noch als das Objekt der Begierde, ist es ihre Struktur, ihre Entwicklung und Werden, ihre Formation und De-Formationen, die im Mittelpunkt der Reflexion stehen. Die Behandlung des Themas mit Begriffen von Foucault, Deleuze und Butler, verleihen dem Begehren auch eine politische Dimension.

 

 

Sommersemester 2011

Sommersemester 2011

Dyschronien

Kunst ordnet sich nicht zwangläufig auf einer linearen Zeitachse, sondern konfrontiert ihren Betrachter mit Paradoxien, Verdichtungen und Verschiebungen. Sie stellt unsere Vorstellung von Chronologie in Frage und präsentiert sich vielzeitig. Diese Dyschronien, die sich nicht als historiographische Fehler betrachten lassen, bringen Spannung und Produktivität hervor. Auf theoretischer Ebene stellen sich besonders Georges Didi-Hubermann, Michel Foucault und Giorgio Agamben dieser Herausforderung.

 

Pathos und Ethos

 

Wintersemester 2010/11

Ethos und Pathos

Die beiden Begriffe „Ethos“ und „Pathos“ verhalten sich in ihrer ursprünglichen rhetorischen Bedeutung komplementär zueinander: „Ethos“ bezeichnet die Position des Redners, „Pathos“ den Zustand des Zuhörers. Der Redner wirkt auf den Hörer ein, der Hörer wird passiv in einen bestimmten Zustand versetzt. Dem Redner kommt also Verantwortung zu – aus „Ethos“ wird „Ethik“; der Hörer erlebt die Wirkungen der Rede als Regungen, Schmerz oder Freude, kurz, als Leidenschaften, „Pathe“.   

 

 

 

 

 

Das Werk - das Oeuvre

 

Sommersemester 2010

"Das Werk - das Oeuvre"

 
Der Künstler ist, was er ist, durch das Werk. Doch es gibt nicht nur anonyme Werke oder Werke von kollektiver Autorschaft, sondern auch Künstler ohne distinguierbare und archivierbare Werke: Etwa, wenn die Person eines Autors mit seinem Produkt zusammenfällt und er dadurch zum lebenden Gesamtkunstwerk wird oder wenn Konzeptkünstler Werke nicht mehr realisieren, sondern nur noch verbal beschreiben.

 

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Odilon Redon, Vielleicht gab es eine erste Vision, die in der Blume erprobt wurde, in: Die Urspr√ľnge/Les Origines, 1883 Paris
Odilon Redon, Vielleicht gab es eine erste Vision, die in der Blume erprobt wurde, in: Die Urspr√ľnge/Les Origines, 1883 Paris

Wintersemester 2009/10

"Körper-Sehen"

Das Auge gilt nicht nur Verliebten als „Fenster zur Seele“: Dasjenige Organ, das den meisten Menschen als Sitz ihres Leitsinns, des Sehens, gilt, ist selbst von größter Ausdruckskraft. Augen können überzeugen und überreden, ihre Blicke können verletzen. Gleichzeitig gibt der Gesichtssinn die sicherste Orientierung: Subjektivität und Objektivität fallen im Sehen zusammen. Das Auge selbst sieht sich jedoch nicht.
 

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Guiseppe Penone, Rovesciare i propri occhi (die eigenen Augen umwenden) 1970
Guiseppe Penone, Rovesciare i propri occhi (die eigenen Augen umwenden) 1970

 Sommersemester 2009

"Subjektivität"

„Das ist doch rein subjektiv“ sagen wir im Alltag, wenn wir einen Umstand willkürlich oder beliebig finden. Doch Subjektivität, also der Bezug auf eine sinnlich empfindende individuelle Person, ist jeder Erkenntnis notwendig eingewoben. Keine Wahrheit ohne ein Subjekt, das diese Wahrheit erkennt. Auch die Kunst definiert man gern so: Sie ist gemacht und damit notwendig subjektiv verfaßt. Oder gibt es auch Kunst ohne Subjekte? 

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Jacques de  Vaucanson, mechanische Ente, 1739
Jacques de Vaucanson, mechanische Ente, 1739

Wintersemester 2008/09

"Natur" 

Ob eine Landschaft von Gärtnern gepflegt, durch Architekten bebaut oder von einem Maler auf eine Leinwand gebannt wird - „Natur“ ist ohne Gestaltung und damit menschliche Teilhabe kaum vorstellbar. Die Kunst wiederum soll laut der einflussreichen ästhetischen Position Immanuel Kants scheinen, als ob sie Natur sei. Natur und Kultur, Kunst und Natur sind oft nicht voneinander zu unterscheiden und noch öfter nicht voneinander zu trennen.
 

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*** Aktuelles *** Aktuelles

 


Disputationstermine
siehe Veranstaltungskalender



Bild-Diskurse

Was oder wann ist ein Bild?
Michael F. Zimmermann (2012)
Anschauen



Auszeichnungen von Absolventen des Jahrgangs 2015



Veranstaltungskalender


 
Aisthesis-BLOG
11.06.12



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